Franziska Dippel
31. Juli 2007 08:20
Da ich zu Schulzeiten die Chance nicht genutzt hatte, ins Ausland zu gehen, stand für mich früh fest, dass ich dies im Rahmen meines Studiums nachholen wollte. Als ich dann vom Forschungssemester an meiner Uni Halle-Wittenberg erfuhr, dass während dem 7. Semester nur zwei Kurse stattfanden, stand auch der beste Zeitpunkt für mich fest.
Da von unserer Fakultät aus keine Verbindungen zu Unis im englischsprachigen Ausland bestehen, entschied ich mich für Frankreich. Nach einer formlosen Bewerbung bei unserem Erasmus-Beauftragten, galt es ein kleines Bewerbungsgespräch zu überstehen, das mehr als nur eine reine Formalität war, denn in diesem Jahr gab es erstmals mehr Bewerber als Plätze für Nancy in Frankreich. Nach einigem Bangen und Zittern erhielt ich einen positiven Entscheid, woraufhin es dann ein paar Formalitäten zu erledigen gab, was uns zukünftigen Erasmuslern aber genau erklärt wurde. Ich bekam nach der Bewerbung in Nancy einen Bogen zugeschickt, mit all den Dingen, die zur Einschreibung benötigt werden, wie z.B. Passbilder, Kopie des Abi-Zeugnisses, der Krankenversicherungskarte, des Impfausweises, Nachweis einer Berufshaftpflichtversicherung etc.. Da erhält man also schon einen kleinen Eindruck der französischen Bürokratie, die erstaunlicherweise noch ausgeprägter ist, als die deutsche.
Sobald man in Frankreich angekommen ist, sollte man ein Konto eröffnen, um Wohngeld beantragen zu können, das auch ausländischen Studenten zusteht und sich auf jeden Fall lohnt! Man sollte auch zu Beginn schon einige Passbilder dabei haben, aber den Großteil lieber erst vor Ort machen. Es ist dort viel billiger und dann haben die Bilder auch das richtige Format.
Unterkunft
Am unkompliziertesten ist es garantiert, sich für einen Platz in einem Wohnheim des CROUS (das frz. Studentenwerk) zu bewerben. Für ein halbes Jahr ist das auch völlig okay, aber man sollte keinen Luxus erwarten. Die meisten Zimmer sind nicht renoviert, sehr klein (ca. 9 m⊃2;) und man teilt sich die Toiletten und Duschen mit dem Rest des Flurs. In den meisten Küchen gibt es noch nicht mal Kochplatten. Nachdem ich wirklich viele Wohnheime in Nancy gesehen hatte, muss ich wirklich sagen, dass mein Zimmer noch zu den gemütlichsten gehörte. Mein Wohnheim lag in der Mitte zwischen Stadtzentrum und medizinischer Fakultät. Wenn man sich also vor Ort kein Fahrrad besorgt, muss man stets ca. 35 min Fußweg ins Zentrum einplanen, was besonders beim abendlichen Ausgehen schnell beschwerlich wird, da die letzte Tram auch am Wochenende um Mitternacht fährt. Wenn sie denn überhaupt fährt, denn in Frankreich wird eigentlich fast jeden Tag irgendwo gestreikt und die Mitarbeiter der öffentlichen Verkehrsmittel gehören auch regelmäßig dazu.
Der größte Pluspunkt fürs Wohnheim ist natürlich der Preis, da man mit Wohngeld nur 80¿ pro Monat bezahlt. Normalerweise ist das Wohnen (wie alles andere auch) deutlich teurer als in Deutschland. Und natürlich kann man bei ein wenig Glück auch schnell und leicht andere nette Leute gleich im Wohnheim kennen lernen.
Gasthochschule
Sprachkurse
Ich bin schon 2 Wochen vor offiziellem Beginn der Praktika nach Nancy gereist, was ich auch wirklich empfehle, weil man dann schon mal die ganzen Formalitäten erledigen und die Stadt etwas erkunden kann. Außerdem bietet die 1. Universität in Nancy (die geisteswissenschaftliche) auch extra Sprachkurse für Erasmusler vor offiziellem Vorlesungsbeginn an. Eigentlich ist dieser für Studenten der Uni 2 (für die Naturwissenschaftler) nicht kostenlos - ca. 70¿ pro Woche - die wir nach Ablauf der Woche glücklicherweise doch nicht zahlen mussten. Der Kurs ist vor allem zum Kennenlernen anderer Erasmusler Gold wert! Ich habe mit einigen Leuten bis zum Ende meines Aufenthaltes in Nancy Kontakt gehabt.
Gegen Ende Oktober wurde auch von der Uni 2 ein Sprachkurs extra für Ausländer angeboten, der auch nicht schlecht war. Besonders gut: Es wurde nicht nur eine multikulturelle Weihnachtsfeier organisiert, sondern auch kostenlose Ausflüge in den botanischen Garten, ins Aquarium oder eine Fahrt nach Strasbourg. Überhaupt hatte ich während des gesamten Aufenthalts in Nancy den Eindruck, dass wirklich viel für ausländische Studenten organisiert wird, von sehr vielen verschiedenen Organisationen.
Medizin in Nancy
Auf sein Learning Agreement schreibt man schon vor Abreise, welche Praktika man vor Ort belegen will. Dabei kann man ab dem 4. Studienjahr jedes klinisch erdenkliche Fach wählen. Nur muss man dabei bedenken, dass für Erasmusler ein Praktikum eine Dauer von 2 Monaten hat. Kürzer geht es nur, wenn ihr nur 5 Monate bleibt. Dann kann euer letztes Stage nur eben ein Monat lang sein.
Ab dem 4. Jahr sind die französischen Studenten jeden Vormittag für 3 Monate auf einer Station, von 14 bis 18 Uhr folgen dann die Vorlesungen, die in sogenannte Module aufgeteilt sind. So folgen z.B. im 4. Jahr auf 3 Wochen Kardiologie 2 Wochen Neuro gefolgt von 2 Wochen Ortho usw. Damit ist es für Ausländer am empfehlenswertesten, erst ab diesem Zeitpunkt nach Frankreich zu gehen, um dann an diesen Stages teilnehmen zu können.
Da während meines 7. Semesters in Halle nur 2 Kurse/ Praktika statt fanden (Psychosomatik [nicht in Nancy möglich] und Orthopädie), hatte ich so ziemlich freie Wahl bei meinen Stages, da ich in meiner Heimat nicht viel verpassen konnte. Deshalb habe ich mich für Neurologie, Notfallmedizin und Orthopädie (nur 1 Monat, damit es für Halle reicht, da mich das Fach nicht sonderlich interessiert) entschieden. Auch bei den anderen gab es keine Probleme bei der Auswahl ihrer Stages und ein späteres Tauschen war trotz vorherigen Verneinens dann doch möglich.
Neurologie
Das Praktikum beginnt täglich um 9 Uhr und geht bis Mittag und soll eines der besten in Nancy sein. Die Klinik für Neurologie bietet 4 verschiedene Stationen an, unter denen man als Erasmusler frei wählen kann: allgemeine Neuro, eine neuro-vaskuläre, eine neuro-onkologische Station sowie die Tagesklinik, wobei Tauschen auch kein Problem darstellte. Zur Eingewöhnung war es wirklich gut, ein paar Wochen auf die allgemeine Neuro zu gehen und dann auf die Neuro-Vaskuläre zu wechseln. Diese ist zwar spezifischer, aber das Team ist netter. Ich hatte auch noch die Möglichkeit, in der letzten Woche in die Arbeit der Tagesklinik schnuppern zu können. Dort macht man zwar ständig neurologische Untersuchungen, aber nur zusammen mit den anderen Studenten, ohne Feedback der Ärzte, was leider nicht gerade die beste Art ist zu Lernen. Von der neuro-onkologischen Station wurde mir abgeraten, da sich die französischen Studenten dort überhaupt nicht wohl gefühlt haben. Auf den anderen 2 Stationen besteht die tägliche Arbeit hauptsächlich im Mitlaufen der Visite, wobei unterschiedlich viel erklärt und gerne auch gefragt werden kann und im Konsile-/ Termine ausmachen danach, worum ich mich als Ausländer immer drücken konnte. Zwischendurch kann man neurologische Untersuchungen üben, bei verschiedenen Untersuchungen zuschauen und wenn man mutig ist, auch eine Lumbalpunktion durchführen. Wenn man möchte, kann man auch Patienten bei der Chefarztvisite vorstellen, aber letztendlich wird von den Erasmuslern nichts verlangt. Man muss nie etwas alleine machen, da immer französischen Studenten mit dabei sind, die allerdings ein sehr unterschiedliches Interesse an ausländischen Studenten offenbaren. Man muss also sagen, dass es sehr vom Eigenengagement abhängt, wie viel man lernt, denn man kann auch jeden Tag stumm der Visite folgen. Empfehlenswert ist es auch auf jeden Fall, die verschiedenen Profs oder OÄ zu ihren Konsultationen zu begleiten. (Die meisten freuen sich über studentisches Interesse, man muss nur fragen.) Dort bekommt man einen guten Einblick in die Arbeit eines niedergelassenen Neurologen.
Die mündliche Prüfung macht man dann mit einem Arzt oder Prof der jeweiligen Station. Ich sollte dabei einen beliebigen Patienten befragen, untersuchen und bei der Visite vorstellen und bekam dann ein paar Fragen zur neurologischen Untersuchung und zu den Hirnnerven gestellt. Als Erasmusler bekommt man da definitiv einen Bonus, denn ich habe bei weitem nicht alles gewusst, aber trotzdem 18 von 20 Punkten bekommen.
Orthopädie
Es gibt 3 Möglichkeiten, Ortho in Nancy zu belegen. Ich entschied mich für die Klinik in meiner Nähe, dessen Chef sich auch immer über ausländische Studenten freut. Dort geht es allerdings schon um 7:45 Uhr los. Man sollte versuchen, möglichst viel Zeit der Stage im OP verbringen zu können, da die Arbeit auf Station sehr eintönig und wenig lernintensiv ist, da man nur die schon operierten Patienten nachuntersucht, aber so gut wie nie Ärzte auf Station anzutreffen sind, da diese ja im OP sind. Aber immerhin kann man häufig schon vor 10 Uhr das Krankenhaus wieder verlassen, wohingegen man je nach OP-Plan dort auch den Nachmittag verbringen kann (aber nicht muss). Man kann dort ohne Probleme bei allen OPs zuschauen und auch gerne assistieren, wobei man nicht nur zum Hakenhalten verdonnert wird, sondern teilweise auch nähen oder z.B. Schrauben entfernen kann.
Eine Prüfung musste ich hier nicht ablegen, bekam aber dennoch meine Scheine unterschrieben, was man natürlich als Glücksgriff bezeichnen kann, allerdings hätte ich auch ganz gerne gewusst, ob ich mein Wissen auch für eine Prüfung gereicht hätte.
Notfallmedizin
Das wohl beste Stage in Nancy mit großem Lerneffekt! Man verbringt komplette Tage (von 8:30 bis 18:30 Uhr) auf der Notaufnahme im zentral gelegenen Krankenhaus, muss dafür aber nur 2 bis 3x pro Woche kommen. Da die Erasmusler nicht im festen Plan der französischen Studenten aufgeführt, sondern einfach Zusatzkräfte sind, können sie praktisch kommen, wann sie wollen, das kontrolliert niemand! Für mich war das besonders praktisch, da ich dann auch mal ein längeres WE frei machen konnte und dann eben zu den restlichen Tagen ins Krankenhaus ging.
Die Aufgabe der Studenten besteht darin, die (weniger dringenden) Patienten aufzunehmen und zu untersuchen. Wenn die Assistenzärzte genug Zeit haben, stellt man ihnen diese vor und bespricht das weitere Vorgehen. Nimmt man jedoch einen Patienten nach dem anderen auf, darf man den Überblick nicht verlieren und sollte immer mal wieder bei den Ärzten nachfragen, was denn aus dem einen oder anderen Patienten geworden ist. Außerdem können die Studenten praktisch tätig werden: Auch wenn Blutabnehmen, Flexülen- oder Katheterlegen eigentlich Schwesternarbeit ist, kann man das auf Nachfragen auch erlernen. Dinge wie arterielle Blutabnahmen, Nähen und Gipsen sind feste studentische Aufgaben, wobei man meist von anderen Studenten "angelernt" wird. Um den Schein zu bekommen, muss man einen klinischen Fall im wöchentlichen Seminar vorstellen und eine kleine mündliche Prüfung beim wirklich netten Prof. Bellou bestehen.
Generell lässt sich sagen, dass die französischen Studenten während des Semesters praktischer ausgebildet werden, als wir in Deutschland. Aber man ist nur wenige Stunden pro Tag auf den normalen Stationen anwesend, anders als in unseren Famulaturen. Außerdem folgt man häufig nur der Visite und ist nicht, wie wir im PJ, für eigene Patienten zuständig. Obendrein kann man nur mit Glück die Stage belegen, die man wirklich möchte - das Auswahl- und Losverfahren ist unheimlich kompliziert. Auf Grund dieser Kritikpunkte konnte mich das französische System nicht wirklich überzeugen. Ich bin doch sehr froh, mir meine Famulaturen selbst aussuchen zu können, nicht an Feiertagen arbeiten zu müssen (die französischen Studenten müssen sich nämlich - wie normale Arbeitnehmer - Urlaub nehmen, denn während der Semesterferien finden zwar keine Vorlesungen statt, doch die Stagen laufen über das gesamte Jahr!) und das PJ zu haben, bevor man dann nach erfolgreichem Examen "fertiger Arzt" ist. Man muss aber auch keine Angst haben, während der Stagen (v.a. sprachlich) überfordert zu werden, da man nie etwas alleine (ohne andere Studenten) machen muss, wenn man das nicht möchte.
Studentenleben
Nancy hat mit ihren ca. 250.000 Einwohnern (mit den Vororten) wirklich einiges für Studenten zu bieten, auch speziell für die ausländischen! So wurde noch im Oktober ein Treffen im Rathaus veranstaltet, mit anschließendem Disko-Besuch, Stadtführung und kostenlosem Kinobesuch. Im November sollte man unbedingt bei der Action faim d'echange teilnehmen, in dessen Rahmen man von einer französischen Familie zum Essen eingeladen wird. Bei mir blieb es auch nicht bei dem einen Treffen.
Die nocturne étudiante richtet sich an alle Studenten (nächtliche kostenlose Museumsbesuche gefolgt von Konzerten und Diskotheken) ebenso wie der traditionelle abendlich St. Nicolas-Lauf durch den großen Park im Stadtzentrum. Man sollte auch stets die Aushänge des CROUS beachten. Wenn man sich darum kümmert, kann man kostenlos Konzerte, Kinovorstellungen u.ä. besuchen oder auch in Partnerstädte Nancys fahren. Das Angebot zum Weggehen ist ebenfalls groß, es gibt viele Diskos und Kneipen, so dass es nicht schwer sein sollte, bald seinen Favoriten zu finden.
Die Stadt an sich, mit ihrem zum Weltkulturerbe der UNESCO gehörenden Place Stanislas, ist sowieso eine Reise wert, es gibt viele Museen, eine schöne Innenstadt, die noch teilweise aus der Renaissance stammt, mit vielen Jugendstil-Häusern (sog. École de Nancy) reizvolle Parks, etc. Im November wartet das Nancy Jazz Pulsations auch mit kostenlosen Konzerten und Anfang Dezember das St. Nicolas-Spektakel. Nicht vergessen sollte man auch die Leute von ESN (europeen student network), die sich um die ausländischen Studenten kümmern. So trifft man z.B. jeden Dienstagabend die anderen Erasmusler im Café Hemingway, es werden aber auch gemeinsame Fahrten z.B. in die Vogesen, nach Paris und Strasbourg organisiert, an denen man unbedingt teilnehmen sollte! Über die Treffen im Hemingway habe ich übrigens auch einige gute Freunde kennen gelernt.
Es lohnt sich auch, die Umgebung Nancys zu entdecken. Bis nach Strasbourg ist es nur ein Katzensprung, ebenso wie nach Luxemburg. Nach Paris sind es, nach Einführung der neuen TGV-Linie, nur noch rund zwei Stunden Fahrzeit und diese Stadt muss man natürlich vor der Rückkehr nach Deutschland besucht haben.
Fazit
Ich kann einen Auslandsaufenthalt im Rahmen von Erasmus wirklich jedem empfehlen! Man sollte sich nicht durch mögliche Bürokratie oder die Angst, sprachlich anfangs vielleicht nicht klarzukommen, von so einer Möglichkeit abhalten lassen! Schließlich kann man nie wieder so unkompliziert ins Ausland gehen und dabei so einfach viele Leute unterschiedlicher Länder und Kulturen kennen lernen! Es ist zwar etwas schade, dass man seine Zeit vor allem mit anderen Erasmuslern verbringt, aber dafür lernt man eben auch noch sehr viel über andere Länder, was mir wirklich sehr viel Spaß gemacht hat.
Nach meinem Auslandsaufenthalt war ich auch wieder richtig motiviert, Medizin in Halle weiterzustudieren, auch wenn ich in Nancy mehr gefeiert als gelernt habe, denn in seiner Muttersprache fällt das doch um einiges leichter.
Ich wünsche allen, die auch während ihres Studiums ins Ausland gehen wollen, eine ebenso tolle Zeit dort!
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