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Operationswut am Beispiel des Schultergelenks

Der andere Hausarzt  vLine  25. Oktober 2011 14:06   Dieser Blog wurde von einer Privatperson erstellt und enthält persönliche Meinungen oder Erfahrungen.

 

Schulter-150x150.jpgOperationswut am Beispiel des Schultergelenks

Das kranke Schultergelenk ist ein sehr gutes Beispiel für die Operationswut in Deutschland. Dabei geht es fast immer um das sogenannte Impingement-Syndrom, frei übersetzt - Schulterengpass-Syndrom.

Schulterschmerz

Die Schulter und ihre Erkrankungen sollen an dieser Stelle nicht vollständig erklärt werden, nur so viel:

Eine entzündliche Schwellung unterhalb des Schulterdaches oder ein Einriss, der dort vorhandenen Sehnen ist extrem schmerzhaft. Wer jemals unter einem klassischen Impingement-Syndrom gelitten hat, wird das bestätigen. Kaum ein verletztes Gelenk sendet derart massive Schmerzsignale wie die Schulter.

Gefahr der Versteifung

Dazu kommt, dass das Schultergelenk extrem anfällig für krankhafte Bewegungseinschränkungen ist, sogenannte Kontrakturen, die, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt werden, dauerhaft bleiben können.

Ein Syndrom fasst viele Symptome zusammen

Unterhalb des Schulterdaches sind die Verhältnisse bereits im Normalzustand dicht gedrängt, Muskeln, Sehnen, Schleimbeutel, alles beansprucht den im bescheiden Maß unter dem Schulterdach vorhandenen Platz. So kommt es bereits ohne Verletzung oder Verschleiß zum Impingement (Anstoßen, Einklemmen). Verändern sich die Verhältnisse durch Entzündung oder Verletzung und kommen Spornbildungen an den Knochen und Kalkeinlagerungen hinzu, wird es richtig eng und - schmerzhaft.

Das ist der Grund, warum im Falle des Impingement-Syndroms, der Arm kaum bis zur Waagerechten angehoben werden kann. Forciert man das Anheben als untersuchender Arzt passiv, geht der Patient in die Knie.

Unlogisches Fazit

Schmerzen, Anfälligkeit für Versteifung und Enge durch Schwellungen, sind per se Erscheinungen, die nicht gerade für eine operative Therapie sprechen.

Eine Operation löst nämlich Schmerz aus, erhöht die Versteifungsgefahr eines Gelenkes und bewirkt Schwellungen. Trotzdem wird die erkrankte, deutsche Schulter auf Teufel komm‘ raus operiert. Damit ist klar, dass die Gründe, die für eine Operation sprechen, anderswo liegen müssen.

Geduld - eine verlorene Tugend

Die Logik jedenfalls sagt, statt OP sind Schmerzbekämpfung, dazu abschwellende Maßnahmen und der Erhalt der Bewegungsfähigkeit wichtig. Und so funktioniert es tatsächlich auch in der Realität. Schmerzmittel, die gleichzeitig Entzündungshemmer sind, Eispackungen, dazu Physiotherapie sorgen für eine Ausheilung nahezu jeden Impingement-Syndroms.

Allerdings kommt in diesem besonderen medizinischen Fall der Schulter ein ganz wesentlicher Punkt hinzu - Geduld und Disziplin!!!

Ein Schulterschmerz kommt gern über Nacht oder gar von einer Sekunde auf die andere, geht aber erst nach zähem, beharrlichen Kampf, sprich Therapie.

OP und alle sind glücklich?

An diesem entscheidenden Punkt treffen sich die eingeschränkte Sichtweise der chirurgisch tätigen Ärzte, die wirtschaftlichen Interessen der Mediziner und die Ungeduld der Patienten. Die Folge, es wird ein MRT veranlasst. Die Folge (fast ein Reflex) - es wird operiert. Allerdings, und jetzt wird es paradox: Zur postoperativen Behandlung der Schulter gehören entzündungshemmende Schmerzmittel, Eis, Physiotherapie und Geduld. Kommt einem bekannt vor, nicht wahr?

Aber jetzt sind alle Seiten zufrieden, der operativ tätige Arzt hat operiert und der Patient wurde operiert, hat also nach allen Seiten (sich selbst gegenüber, seiner Familie und seinem Arbeitgeber gegenüber) das Recht und die Pflicht, sich geduldig nachbehandeln zu lassen. Ohne die zwei kleinen Einstichstellen an der Schulter ist das offenbar nicht möglich.

Es folgen drei PS

Erstes PS: Geduld in Sachen Therapie der kranken Schulter heißt oft mehrere Monate oder gar ein Jahr. Das bedeutet nicht für die komplette Zeit arbeitsunfähig zu sein, aber doch wiederholter Schmerzmittelbedarf und diszipliniert anhaltende Übungstätigkeit, nicht des Physiotherapeuten, sondern des Erkrankten.

Zweites PS: MRTs sind im Zusammenhang mit dem Impingement-Syndrom meines Erachtens nahezu vollkommen verzichtbar (in Wirklichkeit aber der große Renner). Die Untersuchung mit Augen, Händen und Hirn des Arztes reicht in den allermeisten Fällen. Ein MRT der Schulter belegt nur (und wirklich nichts anderes), dass es in jedem Menschen anders aussieht, und das Anatomiebücher den Idealfall darstellen. Dazu kommt, und das ist im Falle der Schulter besonders bemerkenswert, dass ein MRT keinerlei Dynamik beurteilt. Ein MRT bildet einen statischen Befund ab. Beweist ein MRT beispielsweise, dass die Rotatorenmanschette nahezu komplett abgerissen ist, heißt das noch lange nicht, dass die Schulter des Betreffenden nicht schmerzfrei und ohne Einschränkung zu bewegen wäre. Ärzte sollten niemals Röntgenbilder oder andere Befunde operieren, sondern immer den kranken Menschen.

Drittes PS: Ganz selten, wirklich ganz selten, kommt es zum kompletten Sehnenabriss in der Schulter, der selbstverständlich operativ versorgt werden muss. Für den Nachweis bedarf es übrigens auch kein MRT, sondern Augen, Hände und Hirn des Arztes.

 
 

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#9 Veteran 193    13.12.2011 22:56

Ich glaube nicht, dass meine rechte Schulter wieder voll funktionsfährig geworden wäre ohne die "unnötige" OP. Bei drei gerissenen Bändern und der gerissenen Bizepssehne war ich restlos ausser Gefecht. Aber meinem Operateur, der mir trotz meines vorgerückten Alters mit 81 J, jedoch unter dem Gesichtspunkt eines sonst allgemeinen Top-Zustandes die Rupturen zusammenflickte, werde ich lebenslang dankbar sein.Ich unterzog mich ordnungsgemäss einem 5-wöchigen Handicap mit dem Schongestell und etlichen Physio-Therapien, und habe wieder eine optimal funktionierende Schulter. Noch besser wäre es gewesen, ich wäre 8 Wochen früher zur OP gegangen.

#8 Maren    01.11.2011 13:50

Ich habe irgendwie Probleme, Ihre reguläre Website zu erreichen. Sie ist immer leer (weiße Seite). Serverprobleme oder Projekt beendet?

#7 J.Höchst (Physiotherapeut/Heilpraktiker/Osteopath)    27.10.2011 21:39

In meiner Praxis können wir den meisten "Impingement" Pat. innerhalb von 2-3 Monaten Physiotherapie, Trainingstherapie + Eigenübungen den größtenTteil der Schmerzen nehmen und eine gute Beweglichkeit der Schulter generieren. Leider wird der Therapie oft ein früzeitiges Ende gesetzt, da der Arzt aus budgettechnischen oder anderen vielfältigen Gründen sich nicht in der Lage sieht 15 - 30 Behandlungen zu verordnen. Bei einer "KG-Verordnung" würde dies die Kasse in Berlin ca. 250 - 450 Euro kosten. Ein Witz! OP und anschließende REha kosten ein mehrfaches und sind, wie oben schon besprochen , oft sinnlos. Das Gleiche gilt übrigens für Discusprolaps-OPs!

#6 Dr. Hans Trietbier    27.10.2011 21:25

Etwas zu simpel: die RM besteht aus 4 Anteieln, bei einer transmuralen Ruptur der Supraspiantussehne, die nicht die gesamten Querschnitt erfassen braucht schreitet der Riß fort; dies ist egegnüber nicht transmuralen Rupturen nur kernspintomographisch nachweisbar; wird dann womöglich noch zu lange mit kons. MAßnahmen verbraucht kommt´s zu Sehnenretraktion und Muskelatrophie und rekonstruktive Verfahren sind nicht mehr möglich oder nur aufwendige ersatzkonstruktionen mit schlechtem Ergebnis; deshalb nicht zu lange warten MRT - erfahrener Schulterfachmann. H.T

#5 Volker Landschulz    27.10.2011 16:16

Der wesentlichste Punkt bei diesen Schulterproblemen ist der Verlust der Beweglichkeit des Gelenkes durch die schmerzbedingte Schonung. Deshalb ist beim Erstkontakt auch einmal eine Cortisoninjektion in das Gelenk hilfreich. Danach muss die Therapie in einer in Abstimmung mit der schmerzempfindlichkeit des Patienten dosierten intensiven Mobilisierung des Gelenkes erfolgen. Dies sowohl durch den Arzt, soweit er das beherrscht, als auch durch den Patienten selbst in mehrmals täglichen Eigenübungen. Hierdurch kann man in der Regel in wenigen Wochen eine vollständige Besserung erzielen. Handelt es sich um schon seit Jahren bestehende dauerhafte Probleme, besteht meist eine extrem fortgeschrittene Schultersteife, welche halt länger dauert. So habe ich aber viele Schultern erfolgreich behandelt, das funktioniert, wenn der Pat. keine OP möchte, immer. Aber wie im Artikel erwähnt, gibt es auch immer wieder Pat. welche für sich und ihre Umwelt einen Gewinn aus einer Operation erzielen. Eine Physiotherapie für die Schulter muss man als Verordner dieser im Übrigen sehr differenziert betrachten, das kann nicht jeder, der Effekt beschränkt sich bei nicht wenigen in einem subjektiven Wohlbefinden des Pat. welches oft nur wenige Stunden anhält. So hat dann irgendwann nach mehreren Jahren doch die Selbstheilung gesiegt, oder auch nicht.

#4 Franz-Josef Niemyt    27.10.2011 13:51

Hatte seit Jahren Schmerzen in der rechten Schulter im Bereich gleich unter dem Schulterdach, mal mehr, mal weniger und wollte nun ein MRT durchführen lassen, um die Ursache zu ergründen. Ein Trainer in unserem Fitnesscenter sagte, du mußt deine Rotatoren kräftigen, und die Schultern nicht mehr so nach vorn hängen lassen. Ich sage Euch, nach 4 Wochen täglich 30 Hübe mit einem Gummiseil ist der Schmerz WEG!!! Außerdem gehe ich jetzt aufrechter (wenn ich es nicht vergesse ?) Übrigens, ich bin 75.

#3 Ellen Weber, Tierärztin    27.10.2011 11:33

Herzlichen Dank! Genau das ist auch meine persönliche Erfahrung - 16 Monate Geduld, davon 10 Monate Schmerzmittel und behutsame Physiotherapie mit einem ebenfalls geduldigen Physiotherapeuten. Auch wenn wir beide zwischendurch mal öfter fast verzweifelt wären, hat sich diese Vorgehen im Endeffekt gelohnt und würde ich immer wieder zu raten. Auch in der Tiermedizin leider eine immer beliebtere Methode - Besitzer und Behandler bringen erst die nötige Geduld auf, wenn das Tier operiert ist, dann ist es ja klar, das es noch nicht so lau9fen kann und geschont werden muß. Gruß Ellen Weber

#2 Dr. Victor Mangold    27.10.2011 10:35

Na ja, habe nach ca. zwei schmerzhaften Jahren mit allen konservativen Behandlungsversuchen den Weg zum Chirurgen gefunden. Abriss des supraspinatus, Anriss der Bizepssehne. Miniinvasiv chirurgisch behandelt und seitdem schmerzfrei und voll (auch sportlich) wieder einsatzfähig. Eine pauschale Verurteilung von operativem Vorgehen ist m.E. nicht angebracht.

#1 Calendula    27.10.2011 07:17

Ganz herzlichen Dank für diesen Blog; hatte ich schon drauf gewartet. Da meine Freundin seid1 Jahr an Schulter-schmerzen leidet, MRT und anschließende OP zwecks "Entkalkung der Schulter!!!" ansteht. Ich hoffe sehr, dass ich sie jetzt durch diesen Artikel davon abhalten kann. L.G. Calendula

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