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Braucht ein Arzt einen Doktortitel?

Der andere Hausarzt  vLine  19. September 2011 14:29   Dieser Blog wurde von einer Privatperson erstellt und enthält persönliche Meinungen oder Erfahrungen.

 

Doktorarbeit-150x150.jpgDoktortitel stehen zur Zeit in der Diskussion. Öffentliche Personen wie zu Guttenberg, Koch-Mehrin und andere plagen sich mit Plagiatsvorwürfen. Ihre Titel haben sie sämtlich in einer anderen Wissenschaft erworben als der medizinischen. Wenn in der Medizin um den Doktortitel diskutiert wird, geht es weniger um Plagiatsvorwürfe. Hier entfacht sich der Streit viel mehr an Sinn, Zweck und Wesen der Promotion. Plagiatsvorwürfe sind in der Medizin allein deswegen nebensächlich, weil der Erwerb eines Doktortitels in der Medizin vergleichsweise leicht ist, so dass sich das Abschreiben kaum lohnt.
Wahre Wissenschaft? 
Während in anderen Wissenschaften die Promotion häufig an eine mehrjährige berufliche Tätigkeit gekoppelt ist, erwirbt ein Gutteil der Mediziner den Doktortitel bereits während des Studiums - ganz nebenbei oder bereitet den Erwerb doch soweit vor, dass die Doktorarbeit kurz nach Ende des Studiums fertig gestellt werden kann. Unvorstellbar in anderen Fakultäten. Physiker, Betriebswirte oder Biologen schmunzeln (oder grollen) über den Doktortitel mit minderem Aufwand in der Medizin.
Überkommene Kombination 
Früher gehörten das Arztsein und der Doktortitel zusammen. Der Arzt war Doktor und der Doktor eben Arzt. Andere Doktortitel interessierten den normalen Bürger wenig. Erst seit dem immer mehr Ärzte auf die Promotion verzichten, fällt auf, dass Ärzte nicht zwangsläufig Doktoren sind. Andererseits kann offenbar ein Mensch durchaus Arzt sein, obwohl er kein Doktor ist. Erkenntnisse, die der Bürger erst in den letzten Jahrzehnten gewonnen hat.
Ich selbst habe keine Promotionsarbeit geschrieben und kann mich noch gut an die ersten Jahre der Verwirrung bei meinen Patienten erinnern. Die Irritation ging soweit, dass manche meiner Patienten zwar annahmen, ich sei noch gar kein Arzt, aber sicher waren, ich würde diesen Mangel zu gegebener Zeit beheben. So lange wollten sie trotzdem meine Patienten bleiben, da ich sonst ja ein netter Mensch sei und in ihren Augen auch ein guter Arzt, nur eben noch nicht fertig.
Diese Zeiten sind vorbei. Verwirrung über den Arzt ohne Titel ist selten geworden.
Hintergrund
Die Promotion, also der Erwerb eines Doktortitels, soll nachweisen, dass ein Wissenschaftler in der Lage ist, selbstständig wissenschaftlich zu arbeiten und neue Erkenntnisse auf seinem Gebiet zu schaffen. Beides trifft auf den promovierenden Mediziner eher in Ausnahmefällen zu. Allein die Tatsache, dass die meisten Promotionsarbeiten während des Studiums fertiggestellt werden, also in der Zeit, in der die Mediziner noch naturwissenschaftliche Azubis sind, spricht schon dagegen, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits in der Lage sein könnten, sozusagen den Meisterbrief der Wissenschaft zu erlangen.
Die Doktorarbeit in der Medizin hat nur ein Ziel - den Titel - um ihn tragen zu können. Über welches Thema man schreibt oder geschrieben hat ist den meisten Ärzten vollkommen einerlei und tieferes Verständnis vom Thema ist ebenfalls nicht vorhanden. (Es gibt sicher Ausnahmen. Ich will niemandem zu nahe treten). Ehrlich gesagt, ist es in den allermeisten Fällen eines „normalen“ Krankenhausarztes oder Praxisarztes auch gar nicht nötig, dass ein Arzt die Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten besitzt. Die weitaus meisten Mediziner arbeiten in ihrem Leben genau ein einziges Mal halbwegs wissenschaftlich und zwar zur Erlangung des Doktortitels, danach nie wieder.
Trotzdem kann ich verstehen, wenn junge Mediziner bis heute die Möglichkeit zum Erwerb eines Doktortitels ergreifen. Immerhin schmückt so ein Titel, schafft Respekt und Anerkennung, zumal wenn man als Arzt auf irgendeine Weise in der Öffentlichkeit zu tun hat, sei es in der freien Wirtschaft, in der Weiterbildung oder in den Medien.
Es gibt Wichtigeres!
Wenn aber alle Mediziner oder fast alle auf den Erwerb eines Doktortitels verzichten, weil der Anspruch an den medizinischen Doktorgrad der gleiche wird, wie der in anderen Fakultäten, fällt das Fehlen eines Titels nicht mehr auf. Dann braucht der "normale" Arzt keinen Doktortitel mehr, weil das Unnormale gleichsam das Normale wird. Und dann...
Dann könnte man die gewonnene Zeit endlich nutzen, um im Medizinstudium Dinge wie Patientenführung, Humanität in der Medizin, Personalmanagement, medizinische Betriebswirtschaft, Grundlagen der Praxisführung und dergleichen wichtige Themen zu lehren. Das wäre meines Erachtens wesentlich sinnvoller als das berühmt-berüchtigte Zählen von Mäusehaaren.
Schlussbemerkung
Das sind gewichtige Argumente in der Diskussion um den Doktortitel in der Medizin. So gewichtig, wie ich finde, dass die unzähligen Fürs und Widers, die hier nicht erwähnt wurden, bedeutungslos sind, ähnlich bedeutungslos wie meine persönlichen Gründe vor vielen Jahren. Der Doktortitel, speziell in der Medizin, ist ein Anachronismus und sollte wahrhaften Meistern der Wissenschaft vorbehalten bleiben. Es spricht nichts dagegen, dass das vereinzelt auch Mediziner sein können.
Ein Titel hilft den allermeisten Ärzten in ihrer praktischen Arbeit nicht weiter und ihren Patienten schon gar nicht.

 
 

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#10 Linni    28.03.2012 14:32

Während Guttenberg, Koch-Mehrin, Chatzimarkakis und Co. noch munter abgeschrieben haben, setzt Groupon jetzt noch einen drauf und verramscht Doktortitel (h.c.), die von einer „Miami Life Development Church“ in den USA vertrieben werden, siehe Beitrag http://www.marketingfish.de/all/doktortitel-zum-schnaeppchenpreis-groupon-verramscht-dubiose-titel-5890/ Ich frage mich gerade, ob das jetzt schon ein vorgezogener Aprilscherz sein soll...

#9 DM Majner    21.12.2011 20:15

Ich finde die Diskussion durchaus interessant. Sicherlich erwartet man aber auch in keinem anderen Wissenschaftsbereich in so hohem Maß die zwei Buchstaben. Wenn man als Facharzt mit Zusatzbezeichnungen nach richtigen Prüfungen in der Klinik fast täglich aus der Chefetage zu hören bekommt, dass nur der Arzt mit dem Dr. ein "Richtiger" ist, die Stellenanzeige meist mit dem Zusatz : " Voraussetzung Promotion" versehen ist und auch die niedrigere Entlohnung prima mit dem fehlenden Titel begründet werden kann, kann das einen Dipl.med. schon ganz schön ärgern. Hinzu kommt, dass in der Wendezeit die Wissenschaft doch einen Qunatensprung machte, die kurz vor dem Abschluss stehende Arbeit eingestampft wurde und man zu hören bekam: "Das interessiert die Welt nicht mehr!" Ausländische Kollegen, die den Dr. univ. ...nur durch Abschluss des Studiums zuerkannt bekommen haben stehen im so einigen Europa höher im Kurs. Hier sollte man eine einheitliche Regelung finden. Den Kraftkt nebenberuflich schafft man bei 8-9 Diensten im Monat jedenfalls nicht. Für die praktische Arbeit ist der Titel auf jeden Fall unerheblich- leider sehen das viele Patienten nicht so. Arzt ist eben Doktor ( Berufsbezeichnung!?) - kein Doktor , dann auch kein Arzt!

#8 peter w. gendner    20.10.2011 14:48

Eigentlich kann man alles o.w.unterschreiben. Es gibt z.B. eine Menge H.P. die herorragend erbeiten ohne Medizin studiert zu haben. Sie verfügen einfach über eine hervorragende Intuition ud sind zwar auch nicht in der Lage zu heilen ( das kann bekanntlich niemand) aber zu helfen vermang und wer "heilt", hat Recht. Freundliche Grüße an alle, die berufen sind peter w. gendner

#7 Thomas Braun    15.10.2011 00:59

Ich bin seit 5 Jahren niedergelassen in eigener Einzelpraxis und habe keinen Doktortitel. Trotzdem steht auf mindestens 80% der bei mir ankommenden Briefe der Dortortitel in der Anschrift. Selbst das Praxisschild hatte anfangs trotz Hinweis auf das Nichtvorhandensein einen Doktortitel. Fast alle Pat. reden einen mit Doktor an. Es scheint doch noch selbstverständlich in den Köpfen zu sein, daß ein Arzt eiinen Doktor hat. Oder gilt der Doktor als Berufsbezeichnung? In den Niederlanden ist es, wie ich gehört habe, Pflicht bei Niederlassung auf dem Schild einen Dokor vor den Namen zu setzen, auch wenn kein Doktortitel vorhanden ist.

#6 Dr. Bernd Dülfer    (Homepage)    23.09.2011 11:47

Ich selbst habe vor ca. 30 Jahren 3 Jahre lang an meiner Promotion gearbeitet und hätte den Artikel trotzdem ähnlich geschrieben. Gelernt habe ich während meiner Promotion u.a. auch wissenschaftlich zu arbeiten (was ich jedoch nie während meiner Berufsausübung benötigt habe)und wie leicht es ist, Ergebnisse passend zu manipulieren. Aus heutiger Sicht würde ich jedem jungen Mediziner, der in die Praxis möchte und mit halbwegs gesundem Selbstbewußtsein ausgestattet ist, raten, auf die Promotion zu verzichten und die Zeit für sinnvolle Fortbildung zu nutzen.

#5 Andreas Ross    (Homepage)    23.09.2011 10:08

Lieber "anderer Hausarzt", auch für den Tierarzt ist die Promotion heute kein Zeichen des "Mehr-Wissens" ( oder gar des Besser-Wissens). Ich erinnere mich aber genau wie Sie an viele Situationen in denen ich - um Korrektheit bemüht - betonen musste: "Nein, ich habe keinen Dr.-Titel". Für viele Tierhalter, die mir vertrauten war ich sowieso der "Dokta", aber es gab auch eine ganze Reihe von Leuten, die laut aussprachen: Was, so jung und hat auch keinen Doktor? Da gehen wir mal lieber woanders hin.... Ich wurde zum Zeitpunkt der Niederlassung gerade 29 und auch die liebe ApoBank zeigte nicht das volle Vertrauen bei der Finanzierung meiner Praxis. (Irgend so ein Schlipsträger meinte zu mir, ich solle doch erst mal promovieren und/oder meinen Facharzt machen, dann könnten wir uns ja mal wieder unterhalten). Nachdem Jahre später dann in meiner Ausbildungspraxis der vierte Kollege seine Promotion abgeschlossen hatte, packte mich dann doch noch der späte wissenschaftliche Ehrgeiz. Diese eigene Promotion neben dem Praxisalltag war schon ein erheblicher Kraftaufwand. Dabei habe ich immer nur von meiner "sales promotion" gesprochen und sehe diese auch weiterhin nur als ein Epitheton ornans mit geringem wirtschaftlichen und ohne praktischen Nutzen. (Ausnahme: österreichische Hotelrezeptionen!) Angesichts der vielen netten Leute die man am Ende seiner Arbeit als Helfer erwähnt, frage ich mich auch heute noch, wo denn bitte der Nachweis der EIGENSTÄNDIGEN wissenschaftlichen Leistung liegt. Am Ende der Diss. weiß man, wie die man denn die nächste wissenschaftliche Veröffentlichung strukturieren und die Quellen belegen würde, wo der mainstream der veröffentlichten Meinung gerade verläuft und welche Fettnäpfchen man vermeiden kann. Dies und manches mehr erfährt man während des Schreibens an der Diss. Für meinen Miniaturanteil am großen Haus der Wissenschaften aber habe ich mich dabei sehr gelenkt und sehr UNSELBSTÄNDIG gefühlt. Wo liegt also wirklich der Nutzen einer Diss? Sie ist Grundvoraussetzung für eine wissenschaftliche Karriere und Eintrittskarte bei der Pharmaindustrie. Für den Praktiker/in ist sie gut verzichtbar und den Aufwand letztlich nicht wert.

#4 Dipl. med.    22.09.2011 19:46

Guter Beitrag, ich stimme ihm voll zu!

#3 Wolf-Peter Weinert    (Homepage)    22.09.2011 07:32

Das ist sehr wahrscheinlich, weil ich dann ja einen Grund gehabt hätte, den Doktor zu machen. Die Feststellung ist also nicht sehr originell. Meine ablehnende Einstellung jährt sich in diesen Wochen zum 30. Mal. Wenn sie, zugegeben, anfangs auch andere Gründe hatte. Wenn ich einen Doktortitel hätte und diesen Artikel geschrieben hätte, weil ich meine Meinung geändert hätte, hätte es gehießen: Der hat gut reden, der hat ja seinen Titel. Zu viele "hätte"!

#2 doctor    22.09.2011 07:06

Hätte der Verfasser einen Doktortitel, hätte er diesen Artikel so nicht geschrieben......

#1 Manu    21.09.2011 08:16

Herzlichen Dank für diese realistische unaufgeregte Betrachtung!

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