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„Ärzte gegen Tierversuche“ – Der Kampf gegen unnötige Forschungsmethoden

Kristin Kautsch  vLine  27. April 2011 16:46   Dieser Blog wurde von einer Privatperson erstellt und enthält persönliche Meinungen oder Erfahrungen.

 

Heutzutage werden immer noch Tierversuche unternommen, um verschiedene Medikamente und deren Auswirkungen zu testen. Ebenso ist es immer noch an vielen Hochschulen so üblich, dass an zuvor getöteten Kleintieren seziert wird, um den theoretischen Lernstoff zu veranschaulichen. Die Organisation „Ärzte gegen Tierversuche“ setzt sich seit vielen Jahren ein, um der sinnlosen Tierquälerei ein Ende zu setzen.

Wie kam es dazu, dass die Organisation „Ärzte gegen Tierversuche“ gegründet wurde? Was waren die ausschlaggebenden Gründe für die Entstehung der Organisation?

Silke Bitz: Der Verein wurde basierend aus der Überzeugung gegründet, dass der Tierversuch nicht nur eine grausam und deshalb unethisch ist, sondern auch eine unwissenschaftliche Methode ist, die im Interesse von Mensch und Tier auf schnellstem Wege abgeschafft und durch sinnvolle und humane Verfahren ersetzt werden muss. Unter dem Motto „Medizinischer Fortschritt ist wichtig - Tierversuche sind der falsche Weg“ setzen sich die Ärzte gegen Tierversuche für eine tierversuchsfreie Medizin ein, bei der Ursachenforschung und Vorbeugung von Krankheiten im Vordergrund stehen. Die Vereinigung von mehreren Hundert Ärzten, Tierärzten sowie im medizinischen Bereich tätigen Naturwissenschaftlern und Psychologen, besteht seit 1979. Ziel ist die Abschaffung aller Tierversuche und damit eine ethisch vertretbare, am Menschen orientierte Medizin und eine Wissenschaft, die durch moderne, tierversuchsfreie Testmethoden zu wirklich relevanten Ergebnissen gelangt.

Welche Versuche an Tieren finden heutzutage immer noch statt? Wie sehr haben die Tiere wegen diesen Versuchen zu leiden?

Silke Bitz: Nicht nur neue Medikamente werden an Tieren erprobt, sondern auch Chemikalien, Wasch- und Putzmittel, Hautcremes, Suchtmittel, Krankheitserreger, Lebensmittel, Gase, Säuren und Schmiermittel. Alles, was in irgendeiner Form mit dem Menschen in Berührung kommt, wird in Tierexperimenten auf mögliche schädigende Wirkungen getestet, vor allem auf Toxizität, Teratogenität, Mutagenität und Kanzerogenität. Je nach Produkt werden weitere Tests durchgeführt, zum Beispiel auf reizende und ätzende Eigenschaften, Giftigkeit gegenüber Fischen und schädigende Einflüsse auf die Umwelt. In der Grundlagenforschung geht es zum Teil um zweckfreie Forschung, die einzig der Vermehrung des Wissens dient, zum Teil darum, menschliche Krankheiten zu erforschen. Um Symptome der menschlichen Erkrankung zu erzeugen, werden Tiere künstlich krank gemacht. Man unterbricht unter anderem die Blutzufuhr zum Gehirn, um einen Schlaganfall zu erzeugen oder pflanzt Tieren Tumore ein. Genmanipulierte Mäuse und Ratten sollen zum Beispiel Krebs, Alzheimer oder Rheuma bekommen. An ihnen will man die Krankheiten studieren und Therapien für den Menschen entwickeln. Vor allem aus wirtschaftlichen Gründen sollen gentechnisch veränderte „Nutztiere“ wie Schweine oder Fische noch schneller wachsen und noch größer werden. Genmanipulierte Schweine sollen außerdem in Zukunft als „Organspender“ für Menschen herhalten. Bei der Gentechnik wird mit speziellen Methoden das Erbgut der Tiere verändert. Dies misslingt in vielen Fällen. Zahlreiche genmanipulierte Tiere sterben bereits im Mutterleib oder werden missgebildet geboren.

Studierende der Biologie, Human- und Tiermedizin müssen auch an den meisten deutschen Hochschulen im Rahmen ihres Studiums an Tierversuchen teilnehmen oder zuvor getötete Tiere sezieren. Diese Versuche dienen lediglich der Veranschaulichung des theoretischen Lehrstoffs.

Zur Herstellung von Impfstoffen und Seren werden Tieren zum Beispiel ebenso Krankheitserreger injiziert. Einige Zeit später wird ihnen Blut abgenommen oder sie werden zur Blutgewinnung getötet. Aus dem Blut werden Antikörper gewonnen. Weiterhin werden bestimmte Viren, Bakterien und Parasiten in Tieren „aufbewahrt“. Das heißt, dass zum Beispiel bestimmte Magen-Darm-Würmer, die für Forschungszwecke verwendet werden sollen, in lebenden Schweinen gehalten werden. In bestimmten Zeitabständen werden die Wirtstiere getötet und neue infiziert. Auch die Auswirkungen einiger Krankheitserreger, unter anderem das Tollwut-Virus, werden an Tieren getestet.

Der Laboralltag von Mäusen, Fischen, Katzen und anderen Tierarten sieht genauso aus. Sie werden vergiftet, verstrahlt, infiziert, verbrannt und verstümmelt. Sie werden mit Viren, Bakterien und Parasiten infiziert, sie müssen hungern, dursten oder ersticken, sie werden mit Elektroschocks traktiert, bei ihnen werden Infektionen, Entzündungen, Infarkte, Anfälle oder Krebs erzeugt, ihnen werden Elektroden in das Gehirn gesteckt, die Knochen gebrochen, die Augen vernäht, Organe entfernt und wieder eingepflanzt. Die Grausamkeit ist hier schier unerschöpflich.

Um zum Beispiel das Zählvermögen von Rhesusaffen zu untersuchen, müssen die Tiere unglaubliche Torturen ertragen. Über einem Bohrloch im Schädel werden den Tieren eine Kammer für Elektroden sowie ein Metallbolzen auf dem Kopf implantiert. Die Tiere müssen jeden Tag mehrere Stunden in einem Primatenstuhl sitzen und Punkte und Zahlen auf einem Bildschirm erkennen. Ihr Kopf ist dabei mit dem Bolzen unbeweglich an ein Gestell geschraubt. Gleichzeitig werden über die Elektroden Hirnströme gemessen. Lässt der Affe einen gedrückten Hebel im richtigen Moment los, erhält er über einen Schlauch im Mund etwas Saft. Außerhalb der Experimente gibt es nichts zu trinken. Für einen Tropfen Saft tun die durstigen Affen alles, was von ihnen verlangt wird. Das Leid dieser Tiere erstreckt sich oft über viele Jahre. Schlimm ist zudem, dass die Tiere völlig unnütz solche Torturen ertragen müssen. Es wird ja oft behauptet, Tierversuche würden durchgeführt werden, um Menschen helfen zu können. Jedoch sind die Ergebnisse aus Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragbar.

Kann man überhaupt die Wirkungen von Medikamenten am Tier mit den Auswirkungen am Menschen vergleichen? Macht es überhaupt einen Sinn, Medikamente zuerst am Tier und dann am Menschen zu testen?

Silke Bitz: Schon die Ergebnisse aus klinischen Studien, die meist an jüngeren Menschen stattfinden, sind nicht auf Kinder oder alte Menschen übertragbar und auch geschlechtsspezifische Unterschiede werden unzulänglich berücksichtigt. Wenn schon die Übertragung von Ergebnissen von einem Menschen auf einen anderen aufgrund von alters- und geschlechtsspezifischen Unterschieden problematisch ist, wie sollen dann Ergebnisse von Ratten oder Fischen Sicherheit für den Menschen schaffen?

Menschen untereinander und erst recht Menschen und die verschiedenen Tierarten unterscheiden sich wesentlich hinsichtlich ihres Körperaufbaus, der Organfunktionen und der Verstoffwechslung von Substanzen. Ergebnisse aus Tierversuchen sind daher nicht auf den Menschen übertragbar.

Wie die Wirkung eines neuen Medikamentes oder einer chemischen Substanz beim Menschen sein wird, lässt sich auf der Grundlage von Tierversuchen nicht mit der nötigen Sicherheit feststellen. Wirkt der neue Stoff beim Menschen genauso wie beim Tier? Wirkt er anders oder gar entgegengesetzt? Erst nachdem eine Substanz beim Menschen eingesetzt wurde, lässt sich erkennen, ob der Mensch in ähnlicher Weise reagiert wie das Tier oder nicht. Dass man sich trotz dieser Unsicherheit auf Ergebnisse aus Tierversuchen verlässt, hat fatale Folgen. Die zahllosen, wegen schwerer, oft sogar tödlicher Nebenwirkungen vom Markt genommenen Medikamente sprechen eine deutliche Sprache. Lipobay®, Vioxx®, Trasylol®, Acomplia® und TGN1412 sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Allein in Deutschland gehen Hochrechnungen zufolge 58.000 Todesfälle auf das Konto von Arzneimittelnebenwirkungen.

Da die meisten menschlichen Krankheiten bei Tieren nicht vorkommen, werden die Symptome auf künstliche Weise in sogenannten „Tiermodellen“ nachgeahmt. Um zum Beispiel Parkinson auszulösen, wird bei Affen, Ratten oder Mäusen ein Nervengift in das Gehirn injiziert, das Hirnzellen zerstört. Krebs wird durch Genmanipulation oder Injektion von Krebszellen bei Mäusen hervorgerufen. Schlaganfall wird durch das Einfädeln eines Fadens in eine Hirnarterie bei Mäusen erzeugt. Zuckerkrankheit ruft man durch Injektion eines Giftes in Ratten, das die Inselzellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört, hervor. Ein Herzinfarkt wird bei Hunden durch Zuziehen einer Schlinge um ein Herzkranzgefäß simuliert. Die künstlich hervorgerufenen Symptome haben jedoch nichts mit den menschlichen Krankheiten, die sie simulieren sollen, gemein. Wichtige Aspekte der Krankheitsentstehung wie Ernährung, Lebensgewohnheiten, Verwendung von Suchtmitteln, schädliche Umwelteinflüsse, Stress, psychische und soziale Faktoren werden dabei außer Acht gelassen. Ergebnisse aus Studien mit Tieren sind daher irreführend und irrelevant.

Wie setzt sich die Organisation für die Tiere ein? Welche Aktionen fanden bisher schon statt?

Silke Bitz: Es gibt verschiedene Schwerpunkte unserer Arbeit. Mit unserem Informationsmaterial liefern wir unter anderem fundierte Beweise für die Unsinnigkeit tierexperimenteller Forschung und zeigen Auswege aus der Sackgasse Tierversuch auf. Durch Kampagnen, Veranstaltungen und die Verbreitung von Informationen machen wir unsere Argumente einer breiten Öffentlichkeit zugänglich und üben Druck auf die Tierversuchsindustrie und die Politik aus. Wir unterstützen auch Vereine, Gruppen und Einzelpersonen vor Ort. Unsere Internet-Datenbank dokumentiert Details zu Tausenden von in Deutschland durchgeführten Tierversuchen. Unser Jugendprojekt setzt auch mittlerweile bei der kommenden Generation an. In Osteuropa unterstützen wir Hochschulen, die auf tierversuchsfreie Methoden umsteigen wollen und retten so zahlreiche Tierleben. Durch unsere politische Arbeit nehmen wir Einfluss auf die Gesetzgebung auf Bundes- und EU-Ebene und bei unserem REACH-Projekt helfen unsere Fachleute konkret Tierversuche zu verhindern.

Gibt es im Moment eine aktuelle Aktion, um das Recht der Tiere zu stärken und die Tierversuche zu unterbinden?

Silke Bitz: Wir haben laufend aktuelle Aktionen, die man auch unterstützen kann. Momentan haben wir eine EU-weite Kampagne zur drohenden Verschiebung des Kosmetik-Testungsverbots. Der Hintergrund dazu ist, dass am 11. März 2013 die letzte Stufe des Tierversuchsverbots in Kraft treten soll, doch die Europäische Kommission will diesen Termin verschieben, was Tausenden Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten und Mäusen weltweit das Leben kosten würde. Die Europäische Koalition zur Beendigung von Tierversuchen, bei der die Ärzte gegen Tierversuche mitarbeiten, hat eine europaweite Kampagne gestartet.

Bis Ende Januar haben wir auch momentan noch die Postkartenaktion zur Umsetzung der Tierversuchsrichtlinie. Hintergrund dazu ist, dass die EU eine neue Tierversuchsrichtlinie verabschiedet hat. Das neue Regelwerk wird in den nächsten Jahren über Leben und Tod der mehr als 12 Millionen Tiere in Europas Labors bestimmen, davon allein 2,8 Millionen Tiere in Deutschland. Die Richtlinie muss nun in nationales Recht umgesetzt werden. Im Laufe des politischen Prozesses wurde der ursprüngliche Entwurf der Richtlinie dramatisch verschlechtert. Das Ergebnis ist mehr als ernüchternd. Das Regelwerk verwaltet Tierversuche, verhindert aber keinen einzigen. Bei der nun folgenden Umsetzung in deutsches Recht dürfen die laschen Vorgaben der Richtlinie nicht einfach übernommen werden. Vielmehr besteht jetzt die Chance, das deutsche Tierschutzgesetz zu verschärfen und den längst überfälligen Ausstieg aus dem Tierversuch voranzutreiben.

Hatten die Aktionen bisher Erfolg im Kampf gegen die Tierversuche? Wie zeigte sich dieser Erfolg und was hat sich dadurch für die Versuchstiere verändert beziehungsweise verbessert?

Silke Bitz: Unser Verein Ärzte gegen Tierversuche setzt sich seit über 30 Jahre für eine moderne Forschung ohne Tierversuche ein. In dieser Zeit ist viel erreicht worden. Viele Erfolge können allerdings nicht einzelnen Organisationen zugeschrieben werden. Es ist der jahrzehntelangen unermüdlichen Aufklärungsarbeit der Gesamtheit der Tierversuchsgegner- und Tierrechtsbewegung zu verdanken, dass Tierversuche ein Thema in der Öffentlichkeit, in den Medien und der Politik sind und dass immer mehr Wissenschaftler sich Gedanken über andere Forschungsmethoden machen.

Der Glaube an die Sicherheit von Medikamenten ist in den letzten Jahrzehnten schwer erschüttert worden. Zahllose Beispiele von Substanzen, welche tierexperimentell für sicher gehalten wurden und dann beim Menschen zu tragischen Komplikationen führten, haben die Illusion, dass auf der Basis von Tierversuchen neue sichere Medikamente gefunden werden könnten, grundlegend gestört. Ohne den Druck dieser Bewegung auf Politik und Forschung wäre die Entwicklung tierversuchsfreier Forschungsmethoden noch längst nicht soweit. Es gäbe weder die Kosmetik-Richtlinie noch weltweit anerkannte tierversuchsfreie Methoden. Unser Verein ist ein wichtiger Bestandteil dieser Bewegung, da wir mit unserer Expertise sachliche Argumente und fundierte Hintergrundinformationen liefern und daraus schlagkräftige Kampagnen lancieren.

Wurden denn schon Alternativen für Versuche an Tieren entwickelt und haben sich diese mittlerweile in der Forschung schon durchgesetzt?

Silke Bitz: Die Denkweise muss weggehen von dem Glauben, man müsse Tierversuche nur durch Alternativen ersetzen. Vielmehr ist ein Paradigmenwechsel nötig hin zu einer rein tierversuchfreien Forschung. Der Ausdruck „Alternative“ impliziert, dass ein Tierversuch durch etwas anderes ersetzt wird. Tatsächlich sind tierversuchsfreie Methoden aber nicht ein bloßer Ersatz, sondern sie stellen einen Fortschritt gegenüber Tierversuchen dar. In Wissenschaftskreisen wird der Begriff „Alternative“ auch häufig für Methoden verwendet, die Tierversuche nicht ersetzen, sondern nur reduzieren oder verfeinern. Solche Methoden sind für „Ärzte gegen Tierversuche“ aus ethischen und wissenschaftlichen Gründen inakzeptabel. Ein Problemfeld stellt auch das parallele Vorhandensein von Tierversuchen und der entsprechenden sogenannten Alternativmethode in Prüfvorschriften dar. Eine bloße Ergänzung der Prüfrichtlinien um eine Alternativmethode parallel zum Tierversuch birgt die Gefahr, dass die Testanwender am „altbewährten“ Tierversuch haften und so die neue Methode nicht zur Anwendung kommt.

In den Testvorschriften der OECD sind eine Reihe In-vitro-Tests als echte „Alternative“ zum jeweiligen In-vivo-Test aufgeführt, beispielsweise Tests zur Hautabsorption, Hautkorrosivität und zur Untersuchung von Chromosomenschäden. Da aber beide Methoden nebeneinander existieren, wird dem Anwender die Wahl gelassen, welchen Test er bevorzugt, was die Anwendung der Alternativmethode behindert.

Dennoch gibt es auch hier positive Entwicklungen. In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass sich sehr wohl und gerade ohne Tiere medizinischer Fortschritt erlangen lässt. Immer mehr Forscher erkennen das und widmen sich innovativen tierversuchsfreien Methoden.

Monoklonale Antikörper sind Proteine, die an bestimmte Antigene, also Eindringlinge im Körper, binden und das Immunsystem zur Abwehr auffordern. Sie spielen in der Diagnostik und Krebstherapie eine große Rolle. Die Produktion der monoklonalen Antikörper erfolgt üblicherweise in der sogenannten Aszites-Maus. Zunächst werden dabei weiße Blutkörperchen von Mäusen mit Krebszellen zu Hybridomen vereint. Injiziert man Mäusen die Hybridome, vermehren sich diese tumorartig in der Bauchhöhle der Tiere. Nach einigen Tagen wird die Flüssigkeit, die sich im Bauch der Mäuse gebildet hat, abgezapft, um die monoklonalen Antikörper zu gewinnen. Für die Mäuse ist die Prozedur mit ungeheuren Schmerzen verbunden. Sie verenden schließlich oder werden getötet. Dank hochwertiger In-vitro-Systeme, die in den 1980iger und 1990iger Jahren entwickelt wurden, ist heute die Produktion in der Aszites-Maus in Deutschland sowie in den Niederlanden und der Schweiz, bis auf wenige Ausnahmen, verboten.

Bei einer Reihe von Kulturverfahren wie der „Tecnomouse“ oder „Glasmaus“ wird der erste Schritt, das heißt die Gewinnung der weißen Blutzellen in der Maus, beibehalten. Die mit so viel Leid verbundene tumorartige Produktion der monoklonalen Antikörper erfolgt in Kulturflaschen oder großen, bis Hunderte Liter fassenden Tanks. Es gibt aber bereits Ansätze monoklonale Antikörper ganz ohne die Verwendung von Tieren herzustellen. Statt Mäuse produzieren bei der „Phage Display Library“ genannten Methode Bakterien die gewünschten Antikörper.

Bei allen Infusionslösungen, Impfstoffen und anderen Substanzen, die in den menschlichen Körper gespritzt werden, muss untersucht werden, ob sie Stoffe enthalten, die Fieber auslösen können. Bislang wird Kaninchen die Substanz verabreicht. Über mehrere Stunden wird verfolgt, ob sich die Temperatur erhöht. Die Kaninchen werden während des Versuchs so fixiert, dass sie sich nicht bewegen können. Die Ergebnisse sind unzuverlässig, da die Temperatur der Tiere durch nicht erfasste Faktoren beeinflusst werden kann und bei Wiederholungen starke Schwankungen zeigt.

Pyrogene, also Fieber auslösende Stoffe, lassen sich viel besser in menschlichem Blut anhand der Reaktion von Immunzellen nachweisen. Die zu testende Substanz wird zu Zellkulturen aus menschlichem Blut hinzugefügt. Die weißen Blutkörperchen schütten den Botenstoff Interleukin-1ß aus, wenn sie mit fieberauslösenden Bakterienbestandteilen in Berührung kommen. Die Menge des Interleukin-1ß wird vollautomatisch mit Hilfe von Farbreaktionen gemessen. Man erhält sehr genaue und wiederholbare Ergebnisse, die für den Menschen direkt aussagekräftig sind. Dieser Vollblut-Pyrogentest wurde schon Anfang 1990 an der Universität Konstanz entwickelt. Trotz hervorragender Ergebnisse bei verschiedenen Validierungsstudien, wird er bislang nur zögerlich eingesetzt. Der Test ist nun endlich behördlich anerkannt worden.

Im Bereich der Diagnostik sind in den letzten Jahrzehnten sehr viele Tierversuche ersetzt worden. Um eine entsprechende Therapie einleiten zu können, ist es wichtig herauszufinden, ob ein Patient (Mensch oder Tier) an einer bestimmten bakteriellen, viralen oder parasitären Erkrankung leidet. Zur Abklärung eines Infektionsverdachts werden Proben des Patienten, z.B. Speichel, Blut, Harn, Gewebe usw. entnommen und an ein Labor geschickt, wo entsprechende Untersuchungen vorgenommen werden. In früheren Zeiten bedeutete dies fast immer Tierversuche. Nach Injektion des Untersuchungsmaterials in ein Versuchstier zeigten sich im positiven Fall, oft unter entsetzlichen Leiden des Tieres, typische Symptome oder Veränderungen der Organe. Im negativen Fall, d.h. wenn der Patient die fragliche Krankheit nicht hatte, blieben die Versuchstiere symptomlos. Heute gibt es zahlreiche In-vitro-Methoden, dennoch werden für die Diagnostik immer noch Tiere verwendet. Es gibt – bis auf wenige Ausnahmen - keine nationalen oder internationalen Richtlinien, welche die Untersuchungsmethoden vorschreiben.

Dazu gibt es einige Beispiele wie die Papageienkrankheit. Für den Nachweis des Erregers der Papageienkrankheit war der Mäuseversuch gesetzlich vorgeschrieben. Die Kot- oder Organprobe wurde Mäusen in den Bauchraum gespritzt. Nach einer Woche wurden sie getötet, um Teile von Leber und Milz in weitere Mäuse zu injizieren. Auch diese Tiere wurden getötet, um die typischen Veränderungen von Leber und Milz im Mikroskop zu beobachten. Heute stehen mehrere tierversuchsfreie Nachweisverfahren, wie Zellkulturen oder analytische Methoden zur Verfügung. Oder auch zur Tuberkulose. Seit über hundert Jahren wurden Meerschweinchen für die Tuberkulosediagnostik eingesetzt. Ihnen wurde das Untersuchungsmaterial, zum Beispiel Speichel, in die Flanke injiziert. Nach 6-8 Wochen wurden die Tiere getötet und auf spezifische Organveränderungen untersucht. Moderne Kultivierungstechniken auf speziellen Nährböden ermöglichen heute die Anzüchtung der Tuberkuloseerreger. In den angelsächsischen Ländern ist dieser Tierversuch verboten. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden umfangreiche Tierversuche durchgeführt, um herauszufinden, ob ein Mensch zuckerkrank ist. Ebenso wurden früher für die Erkennung von Vitaminmangelerkrankungen langwierige Tierversuche durchgeführt. Die Tests waren zeitraubend, unzuverlässig und mit einer hohen Fehlerquote belastet. Heute gibt es moderne analytische Methoden, mit deren Hilfe menschliche Erkrankungen schnell und sicher diagnostiziert werden können. Im Jahr 1930 entdeckte man, dass Hormone im Urin schwangerer Frauen nach Injektion bei Afrikanischen Krallenfröschen binnen weniger Stunden eine Eiablage auslösen. Der Bedarf von Krallenfröschen für die Schwangerschaftsfeststellung war enorm und brachte die Tierart an den Rand der Ausrottung. Später wurden die Frösche in den Labors gezüchtet, um die große Nachfrage zu befriedigen. Heute ist die Bestimmung von Schwangerschaftshormonen ohne Tierversuche kein Problem mehr.

Gab es auch schon kritische Stimmen beziehungsweise Gegner gegenüber der Organisation „Ärzte gegen Tierversuche“?

Silke Bitz: Es gibt Kreise, die ein großes Interesse am Fortbestand des Tierversuchs haben. Ganze Industriezweige verdienen Unsummen am Tierversuch: Hersteller von Laboreinrichtungen, Züchter, oder die Pharma- und chemische Industrie. Dennoch erhalten wir viel Zuspruch für unsere engagierte und fundierte Arbeit die wir leisten. Der Großteil der Bevölkerung steht hinter unseren Forderungen und in Wissenschaftskreisen wird zunehmend erkannt, dass der Tierversuch wissenschaftlich unzuverlässig ist.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute.

Fazit: Tierversuche sind heutzutage immer noch ein trauriger und grausamer Bestandteil der Forschung. Für Studienzwecke werden Kleintiere immer noch getötet und sezerniert. Ebenso werden für bestimmte Medikamente die Tiere als „Testpersonen“ herangezogen und gequält, obwohl die Gefahr groß ist, dass die Wirkungen am Tier nicht mit den Wirkungen am Menschen verglichen werden können und somit bestimmte Medikamente am Menschen gar nicht wirken. Daher ist es mittlerweile sehr wichtig zu hinterfragen, woher die Medikamente kommen und ob sie durch grausame Tierversuche getestet wurden.

 
 

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