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Wo lässt Frau Dr. Pfeiffer denken?

Der andere Hausarzt  vLine  20. April 2010 13:27   Dieser Blog wurde von einer Privatperson erstellt und enthält persönliche Meinungen oder Erfahrungen.

 

Frau Dr. Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, in einem aktuellen Interview mit der Verbandszeitschrift VDI.
(GKV=gesetzliche Krankenversicherung, VDI=Verein deutscher Ingenieure)

"Fachärztliche Leistungen werden in Deutschland vielfach doppelt erbracht. Diese Doppelversorgung macht die Patienten jedoch nicht gesünder, kostet aber unnötig das Geld der Beitragszahler und findet sich in keinem anderen Land in dieser Form wieder."
Das ist ja mal eine ganz neue Erkenntnis.
Diese, oder eine ähnliche Aussage begegnete mir schon zu meiner Anfangszeit als niedergelassener Arzt. So ganz neu ist die oben erwähnte Feststellung also nicht, vor allem wenn man bedenkt, dass ich nunmehr seit 23 Jahren als Hausarzt tätig bin.
Im Gegensatz zu früher allerdings, wäre es heute kinderleicht Doppeluntersuchungen und Doppeltherapien zu registrieren, abzumahnen und zu unterbinden. Allerdings sind heutzutage die Konsequenzen noch immer dieselben wie früher? Es gibt keine. Und solange nichts passiert, wenn etwas falsch läuft, ändert sich nichts.
Seitdem ich praktiziere, weiß ich, dass weder niedergelassene Ärzte noch Patienten etwas zu fürchten haben, wenn doppelt untersucht oder behandelt wird. Wer an einen freiwilligen Verzicht glaubt, lebt in Wolken-Kuckucksheim.
Ärzte verzichten nicht freiwillig auf Honorarquellen (Ärzte sind normale Menschen). Viel lieber machen sie das Gegenteil. Oder haben Sie schon einmal einen Facharzt sagen hören:
„Was ich bei Ihnen untersuchen oder behandeln kann, ist ja alles schon zig-mal untersucht oder behandelt worden. Da kann ich Ihnen auf meinem Fachgebiet nicht mehr weiterhelfen. Wenden Sie sich zunächst wieder an Ihren Hausarzt, der wird Ihren Fall weiter koordinieren.“
Da muss man schon bei Niederschreiben lachen, so weltfremd ist das.
Patienten verzichten nicht freiwillig auf ihr "gutes Recht". Der Patient möchte das Beste für sich herausholen. Und bis heute hält sich der Irrglaube unter Patienten, je mehr Ärzte und umso spezialisierte, desto besser.

Gleichwie, auf beiden Seiten kann man der von Frau Dr. Pfeiffer beklagten Doppelversorgung nur Herr werden, in dem man auch tatsächlich mit Mut gegen sie arbeitet.

  1. Überweisungen von Facharzt zu Facharzt verbieten. Dieses Verfahren macht jedem übersichtlichen, hausärztlichen Patienten-Management den Garaus.
  2. Den Rahmen schaffen, dass Hausärzte in der Lage sind, jeden Facharztbesuch und den überwiegenden Teil der Überweisungswünsche abzuwägen, zu überprüfen und zu besprechen. Bislang ist das Gegenteil der Fall. Jeden Tag werden Stapel von Überweisungen diskussionslos von Hausärzten unterschrieben, nur damit der Patient die Praxis wieder verlässt, ohne Sprechzeit zu beanspruchen.
  3. Patienten müssen spüren, was sie tun. Sie dürfen nicht gleichsam vogelwild von Arzt A nach Arzt B laufen können. Wenn Sie wissentlich gegen Regeln im Sinne der Doppelversorgung verstoßen, müssen sie zahlen (ausgenommen, das explizit mit dem Hausarzt abgesprochene Einholen einer Zweitmeinung)
  4. Überweisungen müssen schon in der letzten Woche des Quartals für das neue Quartal gelten können. Nur so vermeidet man die unübersichtlichen Praktik der primären Rücküberweisung am Anfang eines Quartals.

Dies sind Punkte, die sich erweitern und präzisieren ließen. Aber jemand müsste den Mut haben, den undurchdringlichen Wald der derzeitigen Praxis zu durchforsten, und zwar einerseits, um Geld zu sparen und andererseits, den Patienten zu schützen.

 
 

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#2 ApothekenPTA    23.04.2010 12:13

Eine weitere Gefahr des wilden "Ärztehopping" schlägt dann in der Medikation auf. Der Hausarzt verschreibt Medikament A und der Facharzt hat für das selbe Leiden oder ein anderes Medikament B aufgeschrieben. In Kombination sind die beiden Medikamente jedoch mit Wechselwirkungen behaftet oder bedeuten sogar eine ernstzunehmende Gefahr für die Gesundheit des Patienten. Sollte es nicht den glücklichen Zufall geben, dass der Patient beide Rezepten gleichzeitig in der Apotheke einlösen will oder er sich als Stammkunde in seiner Hausapotheke hat aufnehmen lassen, so das dort alle Medikamente des Patienten auf seinem Namen registriert sind, geht diese Gefahr einfach unter. Nicht das ich ein Freund der Gesundheitskarte bin, aber durch diese freie Wahlmöglichkeit der Patienten wird auch so mancher pharmakologischen Unwissenheit blind Tür und Tor geöffnet.

#1 Thomas Georg Schätzler    21.04.2010 19:32

Ein hervorragender und kluger Artikel. Beim letzten "hart aber fair" mit Frau Doris Pfeiffer wirkte sie völlig überfordert und antriebsgehemmt. Sie hat jetzt auch noch Unterstützung von 2 weiteren GKV-Managern (u.a. Herrn Magnus von Stackelberg) bekommen. Aber Fakt ist, dass sehr viele MitarbeiterInnen von gesetzlichen Krankenkassen selbst bei offenkundigen Missbräuchen und Rechtsbrüchen ob von Patienten oder seitens der Dienstleister weder Mut noch Initiative zeigen. In Westfalen-Lippe hatte es ein Patient mal auf 49 verschiedene (!) Ärzte in einem einzigen Quartal gebracht. Als ich mich mal von einigen meiner "Ärztehopper" getrennt habe, gab es natürlich Vorwürfe für mich, obwohl ich dadurch wieder mehr Zeit, Energie und Empathie für die Mehrheit meiner Patientinnen und Patienten hatte. Mit hausärztlichen Grüßen! Dr. med. Th.G. Schätzler FAfAM

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