Frank Antwerpes
22. Dezember 2006 00:16
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Ulrich Pietrek
19. Dezember 2006 14:50
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Karlsson
18. Dezember 2006 00:07
Ein Sonntag mitten im Dezember. Die Dunkelheit schlägt genauso aufs Gemüt wie das kalte nordische Regenwetter. Und nichts vermag diesen Tag zu erhellen. Am wenigsten die Vorstellung, daß aus der einen halbherzig zusammengepackten Tasche noch etwa drei weitere werden müssen und daß in wenigen Stunden die Fahrt in die norddeutsche Provinz unweigerlich beginnen muß.
Um mich da drüben wenigstens ein bißchen wohl zu fühlen, harke ich aus Dachboden, Keller und Wohnungswinkeln einige Gegenstände mit heimatlichem Flair zusammen und packe sie in diverse Plastik-Klappkisten. Das Gewicht ist nicht der limitierende Faktor, denn mein VW-Bus ist nicht nur uralt sondern auch geduldig und es ist mal glatt egal, ob ich nun mit 108 oder mit 91 km/h meinem Verderben entgegenkrieche. Herbert fällt mir ein mit seinem "Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl". Wieviele von den Klappkisten ich wohl brauche, um auch nur einen Bruchteil Heimat am anderen Ende des Bundeslandes wieder neu aufstapeln zu können?
Bevor ich mich mit Abschiedsgedanken überfrachte, muß Ablenkung her. So gehts noch eine Runde durchs Internet (da drüben gibts sowas nicht so einfach, das weiß ich schon). Die zwei Single-Seiten abklappern, auf denen ich angemeldet bin. Hat mir jemand geschrieben oder ahnen sie alle schon, daß ich mein Leben in der nächsten Zeit abseits der Zivilisation fristen werde? Vielleicht melde ich mich jetzt gleich kurz doch noch mal auf einer weiteren Plattform an - das erhöht die Chancen. An meinem künftigen Wirkungskreis wäre wohl bauernflirt.de am geeignetsten. Aber ich will da ja nicht ewig bleiben und ich bin eigentlich eher der Lang-Beziehungsmensch.
Also verwerfe ich diesen Gedanken und packe während "Nur die Liebe zählt" und der Sonntagabendkrimi-Wiederholung die letzte Tasche mit Klamotten. Teure Markenfummel, die dort drüben eh keiner zu würden weiß, weil man sowas nur in Großstädten braucht, um die ganzen anderen Singles zu beeindrucken. Andererseits trage ich in der Klinik Weißzeug und zuhause Frottee und Filz von Tchibo. Vielleicht schiebe ich vor Ort die Konjunktur an und kaufe ein paar karierte Hemden. Eine Anpassung an die Exil-Bevölkerung macht allerdings wenig Sinn, wenn man nur während 5 Wochentagen da ist und am Freitagnachmittag den Uralt-Diesel zum Rotglühen bringt, um wenigstens während 52 Stunden pro Woche wieder am Leben teilnehmen zu können.
Einen Strohhalm habe ich noch. Andere PJ-ler sind da drüben ja auch noch und sicher sind manche genauso einsam und verzweifelt wie ich. 70% der Medizinstudenten sind in Wirklichkeit Medizinstudentinnen. Und Gelegenheit macht... Ich bin zwar nicht der Typ für diese Art von Trost, aber wenn mir jetzt schon solche Szenarien in den Kopf kommen, weiß ich nicht, wohin mich die Verzweiflung wohl noch bringen wird. Und vielleicht kann man dieses ganze Unternehmen ja auch wie eine 4monatige Klassenfahrt sehen, da hat sich ja damals auch einiges ergeben. Schade, daß ich damals nur staunend zugeguckt habe, für diese Übungsstunden gäbe ich jetzt was.
Die letzte Stunde in der Heimat ist angebrochen. Noch ein Mail-Check. Posteingang leer - sie ahnen es alle, so schnell ist man abgeschrieben. Ich wuchte die verbliebenen drei Taschen mit internistischer Fachliteratur (nur ausgepackt, nie gelesen) übereinander in den Fahrstuhl und zerre sie in den warnblinkenden Bulli vorm Haus. Schneeregen, natürlich. Profil haben die Reifen noch, aber es sind keine Winterreifen. Die Versicherung wird versuchen, einen Teil der Erstattungssumme für sich zu behalten, wenn ich auf diesen Puschen in einen der eiskalten Flüsse auf der Strecke rutsche. Alles was ich an Heimat packen konnte ist drin, es bleibt nichts mehr zu tun. Jetzt muß ich da vorn einsteigen und losfahren. Ich wüßte gerade nichts, was ich mehr hasse. Außer vielleicht, nochmal mit dem Studium von vorne anfangen zu dürfen.
Ich starte den Bulli, der sich schüttelnd wie immer dafür bedankt und mit gewohntem Blubbern eine zuverlässige Überfahrt verspricht. Herbert hat mit "Tief im Westen" eine ganz andere Gegend gemeint, aber die nächsten anderthalb Stunden wird der Bordkompaß nach Westen zeigen und wirklich hoch über dem Meeresspiegel liegt mein Ziel auch nicht (11m). Natürlich werde ich während der Fahrt immer unruhiger und ungläubiger, denn die Beschilderung wird immer kleiner und als ich in einem wirklichen kleinen Örtchen nochmal von der Hauptdurchfahrtsstraße abbiegen muß, macht sich Resignation breit. Die "Scheißegal"-Tropfen, die die Anästhesistin neulich noch beworben hat, hätte ich jetzt gern, damits schneller geht.
Am Ziel angekommen, ist das Krankenhaus wenigstens ausgeschildert. Am Empfang sollen Schlüssel für meine künftige Behausung liegen. So ist es auch. Wo diese Straße ist, kann die Pforte mir auch nicht sagen. Macht ja nichts, ich setze mich wieder in den Bulli und fahre alle Straßen mal ab, das wird nicht so lange dauern. Eine Tankstelle habe ich jedenfalls noch nicht entdeckt, sodaß ich nicht fragen oder einen Stadtplan kaufen kann. Es dauert auch nur eine halbe Stunde in dem Mistwetter, bis ich hinter Schneeflocken in der Dunkelheit die Straße gefunden habe. Sie führt bezeichnenderweise laut Beschilderung ganz sicher nicht in den Ort, dessen Namen sie trägt. Aber warum auch?
Eine 3er-WG im ersten Stock, aha. Niemand da, zwei Zimmer nur mit Bett, Schrank, Tisch, Stuhl und ohne persönliche Sachen ausgestattet. Eins davon wird wohl meins werden. Ich nehme das, das einem Tanzsaal ähnelt. Parkett sorgt für geringe Geräuschdämmung, dafür gehen die Fenster aber nach hinten raus und im Dunkeln läßt sich auch ein Balkon ausmachen, den ich bei diesem Wetter und dieser Beleuchtung nicht zu betreten wage. Wer will schon die ersten Wochen in der Unfallchirurgie landen und dann das Tertial wiederholen wegen zu vielen Fehlzeiten? Und diese PJ-Unfallversicherung zahlt garantiert kein Assistenzarzt-Gehalt.
Also alles in den ersten Stock wuchten, ohne sich leerzuschwitzen oder übel zu stürzen. Nach Heimat sehen diese Kisten auf einmal nicht mehr aus. Dann dem Bulli noch eine Bleibe über die Woche suchen - natürlich am anderen Ende der Stadt, denn in Kliniknähe gibts auf den Bürgersteigen nur Parkverbotsschilder. Ich finde einen Parkstreifen in der Nähe der Post vor einem Haus, das sie "Die Brücke" nennen. Zwar neben dem gegenüberliegenden Fahrstreifen, aber wir sind hier ja in der Provinz und nicht mal in meiner Heimatstadt kriegt man für sowas ein Ticket - also zieh ich rüber und park mal ganz unorthodox.
Wieder in der 1-3er-WG nach einem Spaziergang durch die verdunkelte Stadt: Heizung an, Fenster auf Kipp, Bett beziehen, Zähne putzen, Filz anziehen, ne heiße Milch mit Honig, Füße hoch, Kopf runter. Es reicht für heute. Morgen geht der Tag - für internistische Verhältnisse - spät los: 7:45 Termin beim Chef. Zum Glück verhilft mir meine unterschwellige Winterdepression zu ausgeprägtem Schlaf.
Willkommen im zweiten Tertial. Innere am Rand der Welt.
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Ulrich Pietrek
16. Dezember 2006 23:39
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Frank Antwerpes
14. Dezember 2006 23:19
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