Worum geht es den Ärzten bei den Demonstrationen wirklich?
„Ärzte leben im Luxus!“ Die Mär vom ferrarifahrenden Arzt ist weitverbreitet. Heutzutage ist der Beruf des Arztes aber kein Zuckerschlecken mehr. Klinikärzte fühlen sich zunehmend ausgebeutet und kämpfen in Streiks und Demonstrationen für bessere Arbeitsbedingungen.
Viele Patientinnen und Patienten wissen nicht, worum es den Klinik-ärzten bei den aktuellen Demonstrationen geht. In den Köpfen der Menschen schwirren Aussagen wie „mehr Gehalt bei weniger Arbeit“ herum, was nicht richtig ist. Dies ist nur die halbe Wahrheit. Am Beispiel von Johannes Kreß (Name geändert), Assistenzarzt in der Chirurgie, soll ein Tag im Leben eines Klinikarztes beschrieben werden:
Montag morgen 6:00 Uhr, der Wecker klingelt. Nach einem ganz und gar nicht erholsamen Wochenende quält sich Johannes Kreß noch völlig schlaftrunken aus dem Bett. Von Samstag auf Sonntag hatte er 24 Stunden Dienst, hat fünf Patienten in der Nacht operiert: Zwei schmerzgeplagten Patienten hat er nach 20 Stunden, die er auf den Beinen war den Blinddarm herausgenommen. Ihnen geht es jetzt zum Glück besser.
Gestern, am Sonntag, hat der 32-jährige Assistenzarzt deswegen frei bekommen. Als er sichtlich erschöpft zuhause ankam, waren seine beiden Kinder schon wach und freuten sich auf einen ganzen Tag Freizeit mit Papa. Eigentlich wollte er sich gerne etwas ausruhen, schließlich hat er seinen letzten Freizeitausgleich (den Tag nach einem 24 Stunden Dienst) dazu genutzt, den persönlichen Schriftverkehr zu erledigen, zur Post zu gehen und Getränke zu holen. Vieles schafft er sonst nicht während der regulären Öffnungszeiten, da er selbst oft länger arbeiten muss. Nun standen nach diesem anstrengenden Dienst vorgestern lachende Kinderaugen vor ihm, denen man nur schwer etwas abschlagen kann. Schließlich hat er sich vor ein paar Jahren nach sechs Jahren Medizinstudium ja auch ganz bewusst dafür entschieden, eine eigene Familie zu gründen. Und er hat es nie bereut. Er hätte gerne noch viel mehr Zeit für sie.
Auf dem Weg an diesen Montagmorgen trifft er auf dem Weg in die Klinik seinen Kollegen aus der Frauenklinik. Er kommt gerade erschöpft aus seinem Bereitschaftsdienst. „Zwei Kaiserschnitte heute Nacht“, sagt er. „Der erste um 2 Uhr, der andere um 4 Uhr. Der Mann der zweiten Patientin hatte Bedenken, als er hörte, dass ich schon seit 21 Stunden arbeite.“
„Dass wir in einer so anstrengenden Nacht nur 45 Euro verdienen, glaubt einem niemand!“, entgegnet Johannes Kreß daraufhin. Scherzhaft entgegnet ihm der Kollege zum Abschied: „Wir können uns ja ein Doppelzimmer nehmen, wenn wir hier bald mit unserem ersten Magengeschwür in der Klinik liegen.“ Sofort muss Johannes Kreß an seinen kranken Kollegen denken, der in dieser stressigen Zeit wegen eines Burn-Out-Syndroms für einige Zeit ausfällt. Seinen Ausfall muss die Kollegschaft ohne Ersatz selbst abdecken.
Äußerst demotiviert geht er den routinemäßigen Aufgaben an diesem Mon-tag nach: Die Übergabe der Ärzte informiert ihn darüber, was in der Nacht alles geleistet wurde, anschließend geht er zur Visite, bei der er nicht mehr als zwei Minuten bei einem Patienten verbringen kann, denn die Zeit drängt, wichtige Fragen von Patienten können nur hektisch beantwortet werden. So wie der Patientin Heidemarie Schwinn (Name geändert) geht es an diesem Morgen noch anderen Patienten. Nach der Visite knurrt ihm schon der Magen. Aber an eine Frühstückspause ist nicht zu denken. Einen Kaffee trinkt der Berliner Arzt schnell vor dem Computer, während er sich einige ausstehende Laborwerte des Vortages ansieht.
Zehn Patientinnen und Patienten dürfen heute nach Hause gehen, Entlas-sungsuntersuchungen stehen an. Die Patienten drängen schon, wollen nach Hause, die Angehörigen, die sie abholen wollen sind zum Teil schon da. Für eine Entlassungsuntersuchung möchte sich Johannes Kreß aber Zeit nehmen. Die Patienten haben viele Fragen, die er gerne beantwortet. Der niedergelassene Facharzt braucht einen Bericht über jede Therapie, die in der Klinik stattgefunden hat. Johannes Kreß schreibt jeden Bericht gleich an-schließend an jede Entlassungsuntersuchung und händigt sie den Patienten aus. Währenddessen wartet der Patient mit gepackter Tasche darauf nach Hause gehen zu können. Nach der zehnten Entlassungsuntersuchung und dem zehnten Bericht an die Niederge-lassenen Ärzte ist es bereits 14 Uhr. Die restlichen administrativen und bürokratischen Aufgaben wie zum Beispiel das Bearbeiten der Krankenakten der soeben entlassenen Patienten hat er noch nicht einmal begonnen. Zudem hat er nach nicht stattgefundener Früh-stückspause auch keine Mittagspause gehabt. Keine Zeit! Er beginnt damit, Laborwerte vom frühen Morgen anzusehen. Was haben die Blutentnahmen, die er in der Visite angeordnet hat, ergeben? Ein Wert bei Frau Beck (Name geändert) gefällt ihm gar nicht. Er will sie und die Krankenschwestern gleich über das weitere Vorgehen informie-ren.
Nun setzt er sich wieder daran, Operationsberichte zu schreiben. In der Nacht von Samstag auf Sonntag war einfach keine Zeit dafür. Er versucht sich zu konzentrieren. Aber es klopft an der Tür. Eine Krankenschwester berichtet darüber, dass Herr Felten (Name geändert) nun auch Fieber bekommen hat. Johannes Kreß kümmert sich sofort darum. Nachdem er auch hier alle ärztlichen Anordnungen in die Krankenakte eingetragen hat, kann er sich wieder seinen Operationsberichten widmen. Bis 15 Uhr hat er zwei Berichte geschrieben, nun muss er zur Übergabe. „Ich gebe Kollegen, die heute Bereitschaftsdienst haben, Informationen über die Ereignisse des Tages auf unserer Station weiter. Obwohl ich den ganzen Tag im Stress war, steht nicht viel auf meinem Notiz-zettel“, erzählt er frustriert..
Bei der Übergabe sitzt ihm sein Kollege, der heute im OP war, mit kleinen Augen gegenüber, dabei hat dieser heute auch noch Bereitschaftsdienst.
Nach der Übergabe kann Johannes Kreß noch nicht nach Hause, er muss noch seine restlichen OP-Berichte schreiben und den OP-Plan für morgen entwerfen.
Der Berliner Arzt schaut auf den Per-sonalplan: Morgen ist er in der Ambu-lanz eingeteilt. Dies bedeutet auch hauptsächlich bürokratische Arbeit. „Ich habe mal ausgerechnet, dass ich 70 Prozent meiner Zeit in der Klinik vor dem Computer verbringe, nicht bei Behandlungen“, erzählt Johannes Kreß. Übermorgen wird er im OP stehen und hat mal wieder Bereitschaftsdienst. Das Geburtstaggeschenk für seine Frau wird er abends zuhause schnell im Internet bestellen müssen.
Gegen 18 Uhr verlässt Johannes Kreß an diesem Tag die Klinik. Zuhause freuen sich seine beiden Kinder auf ihren Papa. Ein schönes Gefühl. Trau-rig erzählen die beiden, dass sie heute im Schwimmbad waren und ihren Papa gerne dabei gehabt hätten. Johannes Kreß vertröstet seine Kinder auf seinen freien Tag nach seinem Bereitschafts-dienst übermorgen. Versprochen! Er wird sich wieder nicht ausruhen kön-nen.
Abends bei einem Glas Wein spricht seine Frau das Thema Sommerurlaub an. Eine tolle Aussicht für Johannes Kreß: 24 Stunden Zeit für seine Fami-lie, und das zwei Wochen lang. Ein Problem gibt es aber doch: Reichen die finanziellen Mittel? Seine Frau verdient im Moment nichts, sie will sich, solange die Kinder noch klein sind, um die Kinder kümmern. Ein Einkommen mehr wäre aber nicht schlecht, denn als junger Assistenzarzt verdient Johannes Kreß gerade einmal 2682 Euro im Monat. Das ist mit einer vierköpfigen Familie bei dieser Arbeitsbelastung nicht gerade viel. 90 Prozent der Überstunden, die er ständig leistet, werden zudem nicht ausbezahlt. Es kommt jedoch vor, dass sich bis zu 30 Überstunden pro Monat anhäufen.
Das Auto muss in die Werkstatt, die Waschmaschine ist defekt. Das muss er bei der Finanzplanung auch noch berücksichtigen. Ist Post gekommen heute?“, fragt er seine Frau. „Ja, die Steuer für´s Auto ist fällig.“ Das also auch noch! Auch ein Arzt ist also vor den Entscheidungen, ob Geld lieber für einen Urlaub oder eine neue Waschmaschnie ausgegeben wird, nicht gefeit.
Nach diesem anstrengenden Tag geht Johannes Kreß mal wieder erschöpft schlafen. Sechs Stunden später klingelt wieder der Wecker. Wie immer wenig erholt, macht sich Johannes Kreß auf dem Weg zur Klinik. Er beru-higt sich damit, dass er heute keinen Bereitschaftsdienst hat.
Eigentlich ist er sehr gerne Arzt. Zu diesen Bedingungen fällt es ihm aber sehr schwer.
Er will weiter ein guter Arzt sein, dafür kämpft er jetzt in einer Ärzteinitiative. Ziel dieser Ärzteinitiative, der Ärzteinitiative vivantes in Berlin, ist es, besse-re Arbeitsbedingungen bei einem an-gemessenen Gehalt zu erreichen.
45 Euro für einen Bereitschaftsdienst und Arbeitszeiten von bis zu 80 Stun-den pro Woche ist keine akzeptable Arbeitsbedingung. Nicht zu vergessen bei einem dafür sehr niedrigen Gehalt.
Die Kliniken denken in zunehmenden Maße wirtschaftlich und vergessen dabei, dass Ärzte das Kapital der Klinik sind. Aber ihnen wird immer mehr zugemutet. Sie möchten nicht, dass ihre Arbeitsbelastung auf Kosten der Gesundheit unserer Patientinnen und Patienten geht. Sie möchten gute Ärzte bleiben und die Qualität ihrer Arbeit nicht nur halten, sondern noch steigern.
Es ist richtig: Ärzte wollen weniger arbeiten und auch mehr Gehalt. Nun aber wissen Sie, welches Fundament ihre Forderungen haben.
Ärzte möchten jeden gut behandeln bei fairen Arbeitsbedingungen.
Nähere Informationen zur Ärzteinitiative vivantes gibt es per E-Mail:
dr.viva@googlemail.com